RLM oder SLP? Diese vier Buchstaben entscheiden bei Gewerbestrom über Tausende Euro pro Jahr – und kaum ein Unternehmer weiß, was sie bedeuten. Dieser Beitrag erklärt Lastprofile bei Gewerbestrom ohne Fachjargon, mit konkreten Stuttgart-Beispielen.
Schnellantwort: SLP = Standardprofil für unter 100.000 kWh/Jahr (Büro, Praxis, Café). RLM = Viertelstundenmessung ab 100.000 kWh/Jahr (Bäckerei, Werkstatt, kleines Hotel). Die Tarifstruktur ist komplett anders – ein RLM-Anschluss in einem SLP-Tarif kostet Hunderte bis Tausende Euro zusätzlich pro Jahr.
Was bedeutet SLP – das Standardlastprofil?
SLP steht für „Standard-Last-Profil". Bei Anschlüssen mit einem Jahresverbrauch unter 100.000 kWh übernimmt der Netzbetreiber (in Stuttgart: Netze BW) die Stromabrechnung auf Basis genormter Profile. Diese Profile sind nach Branchen unterteilt:
| SLP-Code | Beschreibung | Typische Stuttgart-Branche |
|---|---|---|
| G0 | Gewerbe allgemein | Büro, kleine Praxis |
| G1 | Gewerbe werktags 8-18 Uhr | Friseur, Steuerberater |
| G2 | Gewerbe abends überwiegend | Restaurant, Bar |
| G3 | Gewerbe durchlaufend | Krankenhaus, Server-Raum |
| G4 | Laden/Friseur | Boutique Königstraße |
| G5 | Bäckerei mit Backstube | Bäckerei Stuttgart-West |
| G6 | Wochenendbetrieb | Wochenmarkt-Händler |
Der Vorteil von SLP: einfacher Tarif (Arbeitspreis × Verbrauch + Grundpreis). Der Nachteil: das Standardprofil passt nie genau zu deinem echten Verbrauch.
Was bedeutet RLM – die registrierende Leistungsmessung?
RLM steht für „Registrierende Leistungsmessung". Ab 100.000 kWh Jahresverbrauch ist sie gesetzlich vorgeschrieben (oder freiwillig wählbar darunter). Statt eines Standardprofils wird dein Verbrauch alle 15 Minuten gemessen und an den Netzbetreiber übermittelt. Die Rechnung enthält:
- Arbeitspreis in ct/kWh (wie bei SLP, aber meist günstiger)
- Leistungspreis in €/kW pro Jahr – berechnet auf die höchste Viertelstunden-Spitze im Jahr
- Netzentgelt nach Hoch- und Niedertarif getrennt
Stuttgart-Praxis: Netze BW wechselt Anschlüsse ab etwa 95.000 kWh automatisch auf RLM. Wenn du knapp drunter liegst und in einem Sommer dein Verbrauch durch eine neue Klimaanlage von 92.000 auf 105.000 kWh springt, bist du plötzlich RLM-pflichtig – und dein bisheriger SLP-Tarif wird ungültig. Wer das nicht weiß, bekommt eine böse Überraschung in der Jahresabrechnung.
Wann lohnt sich freiwillig RLM unter 100.000 kWh?
RLM kann auch unter 100.000 kWh sinnvoll sein – wenn dein Verbrauchsprofil sehr planbar ist und du Lastspitzen vermeiden kannst:
- Wenn du Lastmanagement betreibst (z. B. Backöfen zeitversetzt einschalten)
- Wenn dein Verbrauch primär in günstige Tageszeiten fällt (NT-Tarif)
- Wenn du PV-Eigenverbrauch hast und nur Spitzen aus dem Netz beziehst
So liest du dein Lastprofil aus dem Smart Meter
- Schritt 1: Smart Meter (Moderne Messeinrichtung) ist in Stuttgart Pflicht ab 6.000 kWh. Falls noch nicht installiert: Antrag bei Netze BW stellen.
- Schritt 2: Zugangsdaten zum Online-Portal beim Netzbetreiber anfordern.
- Schritt 3: Verbrauchsdaten als CSV exportieren (15-Minuten-Werte, 1 Jahr).
- Schritt 4: File an einen Energieberater oder direkt an einen Tarifanbieter senden – die rechnen dir individuelle Konditionen aus.
Was kostet ein Wechsel zwischen SLP und RLM?
Der Wechsel selbst ist kostenlos. Aber: die Tarifstruktur ändert sich. Wer von einem teuren SLP-Tarif (z. B. 31 ct/kWh inkl. allem) zu einem schlanken RLM-Tarif wechselt, kann bei 120.000 kWh Verbrauch leicht 3.000–6.000 € pro Jahr sparen. Umgekehrt: wer in SLP bleibt obwohl er RLM-pflichtig wäre, riskiert Nachzahlungen und einen automatischen Tarifwechsel beim Netzbetreiber zu schlechteren Konditionen.
Häufige Fragen zu Lastprofilen
Mein Verbrauch liegt bei 110.000 kWh – muss ich RLM nehmen?
Ja. Sobald die 100.000-kWh-Grenze überschritten wird (gemessen über das vorangegangene Kalenderjahr), schreibt das Energiewirtschaftsgesetz RLM vor. Netze BW informiert dich automatisch, aber: nutze die Zeit, einen passenden RLM-Tarif zu verhandeln, statt den Standard zu nehmen.
Kann ich von RLM zurück auf SLP wechseln?
Ja, wenn der Jahresverbrauch wieder unter 100.000 kWh fällt. Du musst es aktiv beim Netzbetreiber beantragen.
Was passiert wenn ich falsch eingestuft bin?
Netze BW kann rückwirkend bis 3 Jahre korrigieren. Bei nachträglicher RLM-Einstufung droht eine Nachzahlung. Bei nachträglicher SLP-Einstufung gibts meist eine Gutschrift. In beiden Fällen lohnt ein Check der letzten Jahresabrechnungen.
